Interview mit Mina Jean
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7. Januar 2018
Die 21 -Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer
Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer
1. April 2018

Grußworte des koptischen Papstes Tawadros II – Berlin

Grußworte des koptischen Papstes Tawadros II

Grußworte des koptischen Papstes Tawadros II

zur Eröffnung des Altorientalisch-evangelischen Dialogs am 20./21. Oktober 2017 in Berlin

Ihre Heiligkeiten, Eminenzen, verehrte Damen und Herren,

"Seht doch, wie gut und schön es ist, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen." (Ps 133,1)

Diese Verse des Psalmisten kommen uns ins Gedächtnis und erfüllen uns mit Freude, wenn immer wir eingeladen werden, an einer der wundervollen ökumenischen Versammlungen teilzunehmen, bei denen wir die heilige Gegenwart unseres Herrn Jesus Christus durch das Zusammensein mit unseren geliebten Brüdern verspüren.

Wir sind der deutschen Kirche dankbar, dass sie große Anstrengungen unternommen hat, um dies zu ermöglichen. Und wir sind ebenfalls dankbar für den herzlichen Empfang. Die großzügige Gastfreundschaft hat uns sehr berührt.

Wir kommen mit Freude nach Deutschland. Es ist nicht unser erster Besuch im Land der Innovation. Wir haben gute Erinnerungen an frühere Besuche. Für uns ist Deutschland ein gutes Beispiel, wie man Spaltung und Krisen durch harte Arbeit und Dialog überwinden kann.
Was unsere Koptische Kirche anbetrifft, so ist Deutschland die Heimat vieler Kopten, die einst hierher kamen und eine Heimat und ein Auskommen in diesem gastfreundlichen Land fanden.
Es ist unbestritten, dass große Ereignisse aus großen Herausforderungen hervorgehen. Heute, meine lieben Brüder, ziehen Wolken an dem Himmel auf, unter dem wir alle leben. Heute ist jeder Christ in der Welt mit Herausforderungen konfrontiert. Aber insbesondere die Christen des Nahen Ostens verspüren entscheidende Herausforderungen unterschiedlicher Art.

Ich möchte hier die wichtigsten ansprechen:

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1) Das Aufkommen gewalttätiger fanatischer Bewegungen

Lange Zeit war der Nahe Osten die Heimat unterschiedlicher Gruppen, die miteinander lebten und einander ertrugen. Vielleicht wurde diese Region deshalb zur Wiege der drei monotheistischen Religionen.

Heute können wir die Bedrohungen nicht ignorieren. Sie sind real. Und wenn wir nichts gegen sie tun, droht der Untergang einer der drei Religionen. Der Rückgang der Zahl der Christen in der Region lässt sich nicht leugnen, und auch nicht die Zahl derjenigen, die ihre Heimat verlassen.

Die Gründe sind bekannt: Es ist in erster Linie der Aufstieg radikaler fanatischer militanter Bewegungen im gesamten Nahen Osten, die alle anderen als verabscheuungswürdige Ungläubige betrachten.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Armut, Ignoranz und Krankheiten zu den Hauptursachen zählten, die die Tür für den Extremismus in den Köpfen und in den Seelen der polarisierten Jugend öffneten....

Darüber hinaus werden die Christen als Anhänger der westlichen Außenpolitik abgestempelt, lediglich weil ihre Religion im Westen vorherrscht.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass das Hauptziel der dunklen Kräfte die Spaltung unserer Gesellschaft ist...

Indem wir zusammenstehen und uns klug verhalten, werden wir uns aber ihnen gegenüber behaupten, meine Lieben. Obwohl wir sehen, wie die dunklen Kräfte Wind in ihre Segel bläst, werden wir uns nicht von ihnen fort fegen lassen, sondern ihnen auf unsere Weise, nämlich mit Freundschaft, begegnen.

2) Der Umgang mit den extrem raschen Veränderungen unserer Zeit

Viele der neuen Orientierungen, Praktiken und Methoden unserer modernen Zeit können niemals rückgängig gemacht werden. Wenn sie einmal in eine Gesellschaft eingedrungen sind, breiten sie sich ständig weiter aus. Aber wir beschuldigen nicht jede Innovation, ein Werkzeug der Zerstörung zu sein. Viele dieser Neuerungen bedeuten nämlich auch eine Chance, unsere pastorale Arbeit fortzuentwickeln, so dass unsere Stimme von vielen gehört werden kann.

Da sind zum Beispiel die sozialen Medien: Auf der einen Seite haben sie das Leben vieler Menschen auf schlimme Weise durch Verletzungen der Privatsphäre und durch Verbreitung von Gerüchten zerstört. Sie waren ein Werkzeug für Terroristen, um ihre Netzwerke auszuweiten und neue zu schaffen. Auf der anderen Seite haben sie zu vielen großartigen Erfolgsgeschichten für Menschen auf der ganzen Welt beigetragen.

Soziale Medien halfen bei der Schaffung von Foren, die es den Menschen mit gleichen guten Absichten und edlen Zielen ermöglichen, miteinander in Kontakt zu treten und Gemeinschaften zum Wohle der Menschen zu gründen, …

Die Welt befindet sich in einem fortwährenden Prozess des Austausches. Es ist nicht leicht für die Kirche, mit all den neuen Veränderungen fertig zu werden und zu verstehen, dass diese Medien die Inhalte lediglich transportieren und dass der Inhalt die lebendige Tradition der Kirche sein kann und dass der Kern der Glaube sein soll.… Und hier kommt die Rolle des Heiligen Geistes ins Spiel, der in jedem von uns lebt und den wir durch das Sakrament der Taufe empfangen haben, das uns mit Jesus Christus vereint und uns lehrt, unsere Herzen weit zu öffnen, so dass wir Gutes und Böses voneinander unterscheiden können und die rechte Neuerung zur richtigen Zeit erkennen und das rechte Ziel wählen, um der Ehre Gottes zu dienen.

3) Die Sünde der Spaltung

Sicherlich erinnern Sie sich alle an die grausame Tötung von 21 koptischen Märtyrern in Libyen im Februar 2015. Damals brachte Seine Heiligkeit Papst Franziskus seine Solidarität und sein Mitgefühl mit unserer trauernden Kirche zum Ausdruck. Er verwies auf einen wichtigen Punkt, als er sagte: "Sie wurden allein deshalb umgebracht, weil sie Christen waren. Das Blut unserer christlichen Brüder und Schwestern ist ein Zeugnis, das schreit, um gehört zu werden ... Es macht keinen Unterschied, ob sie Katholiken, Orthodoxe oder Protestanten sind - sie sind Christen! Ihr Blut ist das gleiche: Ihr Blut bekennt Christus."

Wir können solchen Worten nur zustimmen. Was uns verbindet, ist weitaus mehr als das, was uns trennt. Die Einheit der Christen ist in der Welt von heute kein Luxus mehr, sondern ein Muss. Wenn wir uns den zuvor erwähnten Herausforderungen der Anfeindungen und des technologischen Fortschritts stellen wollen, müssen wir uns daran erinnern, wie Jesus Christus die Familie beschrieb, die in sich gespalten ist: "Sie kann keinen Bestand haben.“ (Mark 3,25) Und in der Tat können wir, wenn wir gespalten sind, den größten Wunsch Christi nicht erfüllen, nämlich, "Alle sollen eins sein." (Joh 17,21)

Meine Lieben, durch Einheit stärken wir einander. Einheit wird jedoch nicht erworben. Sie ist eine Gabe, die Gott uns schenken wird, wenn wir ihm mit einem offenen Geist, mit offenem Herzen und in Demut gegenüber treten. Nur dann werden wir in der Lage sein, in Richtung Einheit zu schreiten: zuerst mit dem Geist, dann mit dem Buchstaben. "Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber spendet Leben." (2 Kor 3,6)

Nun, nachdem wir die Herausforderungen beschrieben haben, sollte die Frage sein: Was, wenn wir sie nicht meistern? Was würden wir verlieren? Was würde unsere ganze Region und die gesamte Welt verlieren? Welche Bedeutung haben die christlichen Gemeinschaften des Nahen Ostens? - Es steht fest, dass unsere Anwesenheit sehr wichtig ist. Jeder Christ hat die Berufung und die Mission, in seiner Gemeinschaft das Licht der Welt und das Salz der Erde zu sein. Jede Kirche in unserer Region spielt auf mehreren Ebenen unterschiedliche Rollen: auf christlicher Ebene, auf nationaler Ebene, und auf internationaler Ebene. Wir werden das hier am Beispiel unserer Koptisch-Orthodoxen Kirche erläutern:

a) Die Ebene der christlichen Verantwortung

Die Koptische Kirche hat in ihrer Geschichte Phänomenales geleistet. Und bis heute leistet sie noch ihren Beitrag zur gesamten christlichen Welt. In der Geschichte der Christenheit sind die Errungenschaften unserer Kirche auf dem Gebiet der Theologie unvergessen. Die Begründung der Theologie begann in der Schule von Alexandria. Sie wurde berühmt unter der Leitung einer langen Reihe großer Gelehrter, wie Panthanaeus, Clemens von Alexandria, Didymus des Blinden und Origenes. Die Kirche von Alexandria schenkte der Christenheit die großen Kirchenväter, die eine wichtige Rolle in der orthodoxen Lehre spielten und halfen, den Glauben in seiner reinsten apostolischen Form zu bewahren, wie St. Athanasius der Apostolische und St. Kyrillos der Große...

Von der Koptischen Kirche lernte die christliche Welt das Mönchtum. Aus unserem Land kamen jene heiligen Männer, die wir heute „die Wüstenväter“ nennen: Männer, wie der heilige Antonius der Große, Vater aller Mönche, der heilige Makarius der Große, und viele andere, die Klöster mit Tausenden von Mönchen gründeten. Unsere Wüste hat immer Heilige hervorgebracht - bis heute sind Klöster und Mönche überall in Ägypten zu finden.

Eine weitere Besonderheit der Koptisch-Orthodoxen Kirche ist, dass sie eine Kirche der Märtyrer ist. Tertullian, der frühchristliche Schriftsteller, schrieb: "Wenn die Märtyrer der ganzen Welt auf der einen Seite der Waage stünden, und die Märtyrer Ägyptens auf der anderen, würde die Waage sich zugunsten der Ägypter neigen.“

Das Märtyrertum hat in unserer Geschichte niemals aufgehört. Wir nennen unseren koptischen Kalender "Märtyrerkalender". Viele Märtyrer, die in allen Bereichen des Lebens lebten, geben unserer Kirche bis zum heutigen Tag einen Segen, da sie ihr Leben als Zeugnis ihres Glaubens opferten. Ihre lange Liste enthält viele große Namen, die überall bekannt sind. Sie erinnern sich sicher an den Heiligen Menas, die Heilige Katharina von Ägypten, an die Märtyrer von Libyen aus dem Jahr 2015, und die Märtyrer des Palmsonntags 2017. Das Wichtigste am Martyrium ist jedoch, dass es unseren Glauben, unsere Liebe zu Christus, unserem Herrn, und unsere Bindung an unsere Kirche stärkt.

b) Die nationale Ebene der Verantwortung

Jede Kirche hat eine wichtige kulturelle Aufgabe innerhalb ihrer Gesellschaft. Taha Hussein, der bekannte Schriftsteller, einer der Großen der arabischen Literatur, schrieb in seinem einzigartigen Werk „Die Zukunft der Kultur in Ägypten“: "Die koptische Kirche war ein Teil der glorreichen Geschichte Ägyptens. Ihr Überleben bewies die moralische Integrität ihrer Anhänger.“

Als das Pfingstfest stattfand, verstanden die heiligen Apostel, dass die Gabe des Heiligen Geistes nicht allein die Vielsprachigkeit ist. Es handelt sich dabei viel mehr um den großen Auftrag, allen die Gegenwart Christi zu verkünden und durch kulturelle Interaktion und durch Verschmelzung mit unterschiedlichen Zivilisationen, die dazu beitragen, eine weltumfassende Kirche zu errichten, ohne Alleingänge oder Überheblichkeit, zu wachsen, während der Kern des Glaubens und des Evangeliums bewahrt bleiben. Dies, meine Lieben, ist die Art und Weise, wie das Christentum die Kulturen bereichern kann.…

Die Koptische Kirche bewahrte die Sprache, die Geschichte und die Traditionen der Ägypter. Sie ist aus dem Volk heraus erwachsen und gleichzeitig für das Volk. Durch Nehmen und Geben durchdrang sie das Leben der Menschen, interagierte mit der Gesellschaft auf harmonische Weise, und wurde so zu einem Urbild der Interkulturation.

c) Die Ebene der weltweiten Verantwortung

Der Nahe Osten war schon immer eine Drehscheibe der Zivilisationen, ein Zentrum kultureller Vielfalt, und eine Oase für den Dialog. Man kann sogar behaupten, dass er ein Ort war, an dem jede Kultur Spuren hinterließ und der auf der ganzen Welt einzigartig war. So wurde die Region zum Erben vieler Kulturen, die von Ägyptern, Phöniziern, Griechen, Römern, Persern, Arabern und vielen anderen begründet wurden. Der Nahe Osten schenkte der Welt neue Ideen in vielen Bereichen und spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Christen in ihren Ländern in dieser Region waren schon immer die Wächter und Hüter der Vielfalt. Wir selbst können und wollen uns keinen monolithischen Nahen Osten vorstellen....

Unsere Existenz in der Region ist so wichtig für uns, weil unser Volk so stark mit seinem Land verbunden ist. Aber vergessen wir auch nicht, dass die Region und die Welt uns in unseren Heimatländern brauchen.

Nachdem wir all diese Herausforderungen, Krisen und Wolken am Himmel erläutert haben, wollen wir unsere Bemerkungen mit den Verheißungen des Vaters des Lichtes schließen, der uns jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk gibt, wie es in der Heiligen Schrift heißt: „Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel." ( Ps 30,6).

Vielen Dank!

zur Eröffnung des Altorientalisch-evangelischen Dialogs am 20./21. Oktober 2017 in Berlin