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Interview mit Ehab Aziz

Interview mit Ehab Aziz

Interview mit Ehab Aziz

Ehab Aziz

Gemeindemitglied der Koptisch-Orthodoxen Kirche in München

Von Pater Deuscoros El-Antony

Kannst Du dich bitte kurz der Gemeinde vorstellen?

Ich bin in Kairo geboren und aufgewachsen. Von 1985 bis 1989 studierte ich Innenarchitektur an der Fakultät für angewandte Kunst an der Helwan Universität in Kairo.
Zwei Jahre später, 1991, begann ich mein Studium der Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Regensburg. Ich bin Innenarchitekt, Grafikdesigner und Künstler.

Wie würdest Du dich beschreiben?

Ich war da. Ich war glücklich. Ich war traurig. Ich war verliebt. Ich hatte Angst. Ich war voller Hoffnung. Ich hatte viele Informationen. Ich hatte eine Vision und ich habe meinen Weg verfolgt, und deswegen bin ich Designer und Künstler geworden.

Was bedeutet Kunst für Dich?

Kunst ist für mich wie eine Brücke zwischen den Kulturen, sie bringt das Innere nach außen und das Äußere nach innen.
Für mich ist Kunst auch ein Weg der Verständigung in Bildern, der es erlaubt ins Gespräch zu kommen....

Kann Kunst in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen?

Globalisierung und Migration können zu interkulturellen Spannungen führen. Ich behaupte, dass Kunst in der Lage ist, eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen.
Die Einschätzungen, Wahrnehmungen und Wirkungen, die durch die Globalisierung individuell und kollektiv auf das menschliche Dasein drängen, insbesondere zwischen den Kulturen, unterschiedlichen Lebensauffassungen und vielfältigen Mentalitäten, stellen sich zum einen als „Aufeinanderprallen“ (Samuel P. Huntington: Clash between civilizations, 1996), zum anderen als „Our Creative Diversity“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, Unsere kreative Vielfalt, 1997) dar. Angesichts dieser scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze – Kampf oder Dialog – ist es durchaus sinnvoll und nützlich.

Wie können unterschiedliche Kulturen in einen fruchtbaren Dialog treten?

Hier setzt die Kunst mit an, um Veränderungen in der Gesellschaft anzuleiten, nicht durch das Finden von verborgenen Wahrheiten, sondern indem die Fantasie durch Kunst und politische Utopie angeregt und dadurch Neues `wahr` genannt wird. Das bedeutet, dass sich gesellschaftliches Bewusstsein nicht durch philosophische Überzeugungen bildet, sondern durch gemeinsame Vokabulare und Hoffnungen.

Kunst- Ehab Aziz

Wie siehst Du Gott?

Für mich bedeutet Gott eine innere Stimme, die zur Reise zur Wahrheit aufruft, eine Reise zur Wahrheit, die wiederum die Voraussetzung für die Freiheit ist. Als ständig Reisender zu mir selbst und Suchender nach der Wahrheit werde ich allmählich selbst zum Sklaven der Wahrheit.

Zuletzt möchte ich Deine Meinung über den Anschlag auf unsere koptische Kathedrale in Kairo hören.

Als Antwort würde ich gerne aus einem Artikel in der Landshuter Zeitung vom 20. Dezember 2016 von Herrn Siegfried Rüdenauer zitieren:

Plädoyer für einen modernen Islam

Vor einer guten Woche ist Ehab Aziz von einer Ägyptenrundreise nach Landshut zurückgekehrt. Einen Tag später sprengte sich in Kairo ein Selbstmordattentäter in einer koptischen Kirche in Kairo in die Luft und riss mindestens 25 Menschen mit in den Tod. Überraschend sei der Anschlag für ihn nicht gekommen, sagt der aus Kairo stammende Designer und Multimediakünstler im LZ-Gespräch. „Die Behörden haben damit gerechnet, dass bald etwas passieren würde.“ Deswegen hätten die Sicherheitsleute auf dem Flughafen besonders streng kontrolliert. Und am Tag vor seinem Abflug hat es bereits ein Attentat vor einer Moschee in Gizeh gegeben, bei dem sechs Menschen starben.

Anschlag
Der Anschlag auf die Kirche bedeute eine neue Dimension, sagt der 49-Jährige. Anders als etwa in der Neujahrsnacht 2011, als sich Attentäter vor einer Kirche in Alexandria in die Luft gesprengt und 21 Menschen getötet haben, sei der Täter diesmal in die Kirche eingedrungen. Getröstet habe ihn als koptischen Christen, dass ihm viele ägyptische muslimische Freunde ihr Beileid ausgesprochen hätten. Demgegenüber stünden aber Äußerungen eines einflussreichen Scheichs im Fernsehen, wonach sich für Muslime keine Beileidskundgebungen gegenüber Ungläubigen -womit auch Christen gemeint sind – gehörten.

Anschlag-Kirche Den Attentäter von Kairo bezeichnet Ehab Aziz als armen, vom Hass zerfressenen Menschen. Warum ausgerechnet ein 21-Jähriger zu so einer Tat fähig sei, könne aber viele Gründe haben. Da kommt die Auslegung des Islam ins Spiel. Er gestehe selbstverständlich jedem seine Religion zu, aber jeder Mensch müsse auch andere Religionen respektieren, sagt Aziz. Die dem Propheten Mohammed zugesprochenen Aussprüche und Handlungen, die sogenannten Hadithe, etwa seien Teil der Geschichte des Islam, dürften aber nicht als Gebrauchsanweisung für das Leben heute verstanden werden. Jahrhundertealte Schriften, die den Koran auslegen, dürften nicht als sakrosankt bewertet werden. Sie enthielten zwar nicht nur Negatives, böten aber Passagen, mit denen Islamisten ihr mörderisches Handwerk rechtfertigten.
Deshalb sei eine Institution ganz besonders gefordert, die ihren Sitz in seiner Heimatstadt Kairo hat: die Al-Azhar-Universität, die höchste Instanz im sunnitischen Islam.
Er wünsche sich, dass die Al-Azhar mit ihrem weltweiten Einfluss den Weg zu einem modernen, alltagstauglichen Islam weise – inklusive Anerkennung aller Religionen ohne Wenn und Aber. Doch seit einigen Jahren sehe es in Ägypten ganz anders aus: Die Freitagspredigten in den Moscheen seien lauter und aggressiver geworden, über Juden und Christen werde geschimpft. Kein Wunder, sagt Aziz, wenn Grundschülern in einem von der Al-Azhar abgesegneten Schulbuch ein entsprechendes Islambild vermittelt werde. Passend dazu heißt es in einem Schreiben des koptischen Bischofs für Deutschland, Anba Damian: „Deswegen bitte ich inständig und ernsthaft, den Religionsschulunterricht genau anzuschauen, um die Samenkörner des Hasses im Kindesalter nicht zu säen und ein friedliches Miteinander und gegenseitige Toleranz zu lernen und zu praktizieren.“
Wirtschaft am Boden
Die Anschläge in Ägypten gehen einher mit einer darniederliegenden Wirtschaft. Unter anderem ist das wichtige Grundnahrungsmittel Zucker überteuert. Auf seiner Rundreise besuchte Ehab Aziz fast dieselben Orte wie im Januar 2016 zum Beispiel Assuan und Luxor. „Es gibt so gut wie keine Touristen.“ Seine Freunde und er waren oft die einzigen Gäste im Hotel. Ein paar ägyptische Familien und Schulkinder, einige wenige Europäer und japanische Touristen. Für Kunst- und Kulturliebhaber, die sich den Tempel von Luxor mit fast keinem anderen Besucher teilen müssen, ist das angenehm. Aber schlecht für die Tourismusbranche, von der viele Ägypter abhängig sind. Die Einheimischen verkaufen kaum noch Souvenirs. Ehab Aziz: „Die Leute wissen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen.“ Er hat beobachtet, dass immer mehr Souvenirverkäufer dazu übergehen, Lebensmittel und aus China importierte Kleidung zu verkaufen. Aber Ägyptenreisen seien nicht gefährlich. Aziz rät allerdings dringend vom Nordsinai ab, wo sich das Militär mit Islamisten im Krieg befindet. Ansonsten wünsche er sich „Millionen von Touristen“, um den Einheimischen wieder ein sicheres Einkommen zu verschaffen. Er hat sich schon zigfach mit seinen Gästen von einheimischen Reiseführern betreuen lassen. Und er versichert: „Die machen das von Herzen.“

Gemeindemitglied der Koptisch-Orthodoxen Kirche in München.